B_Biographien

01.01.1891 in Detmold - 14.03.1942 im Konzentrationslager Gusen

Religionszu­gehörigkeit: evangelisch
Eltern: Luise Baumann, geb. Frohböse (11.09.1864 in Brakelsiek - 09.03.1929 in Detmold) und
Friedrich Baumann (24.10.1847 in Detmold - 30.08.1910 in Detmold)
Geschwister: Maria Beyer, geb. Baumann (geb. 18.12.1874 in Detmold)
Martha Baumann (geb. 01.01.1881 in Detmold)
Helene Gronemeier, geb. Baumann (24.10.1882 in Detmold - 30.11.1925 in Detmold)
Fritz Baumann (geb. 12.09.1884 in Detmold)
Hans Baumann (geb. 23.10.1889 in Detmold)
Franz Baumann (geb. 01.12.1891 in Detmold)
Lilly Baumann (geb. 15.06.1899 in Detmold)
Luise Baumann (geb. 19.01.1908)
Geschiedene Ehefrau: Emma Baumann, geb. Roufs, verw. Heydenreich, verh. Millahn
derenKinder: Emma Heydenreich (geb. 12.12.1907)
Erich Heydenreich (geb. 13.06.1909)
Beruf: Postgehilfe, Maurer, Versicherungsvertreter

 

Wohnorte: Detmold, Gartenstr. 5
02.06.1908 abgemeldet nach Rietberg
06.06.1939 Rietberg bei Strickmann
14.08.1908 Detmold, Gartenstr. 12
15.02.[...] Detmold, Exterstr. 8
05.02.1909 abgemeldet nach Wilhelmshaven
Nicht abgemeldet
Aus span[ischer] Gefangenschaft
24.11.1919 Detmold, Exterstr. 8
Notiz: nicht abgemeldet, jetziger Wohnort nicht bekannt
Ende 1933 Wabern, Frankfurterstr. 28
Frankfurt, Fahrgasse 13

 

Wilhelm Baumann wuchs in einer großen Familie mit acht Geschwistern in Detmold auf. Er übte sehr unterschiedliche Berufe wie Maurer und Postgehilfe, aber auch Versicherungsvertreter aus. Er heiratete am 9. Juli 1913 die verwitwete Emma Heydenreich, die zwei kleine Kinder mit in die Ehe brachte. Am 10. März 1922 wurde die Ehe geschieden.

Wilhelm Baumann wurde nach Mitteilung des Amtsgerichtes I in Detmold vom 8. Februar 1934 wegen "Trunksucht" entmündigt und unter Vormundschaft gestellt. Aufgrund seiner Alkoholabhängigkeit gehörte Wilhelm Baumann neben u. a. Bettlern, Verkehrssündern, Prostituierten und Zuhältern zu den als "Asoziale" verfolgten Menschen, die aus Sicht der Nationalsozialisten durch ein sozial abweichendes Verhalten auffielen, das dem "gesunden Volksempfinden" zuwiderlief und die "Allgemeinheit gefährdete". Diese sog. Asozialen wurden durch die Kriminalpolizei auf der Basis des "Grunderlasses zur Vorbeugenden Verbrechendbekämpfung" vom 14. Dezember 1937 in Konzentrationslager eingewiesen. Wilhelm Baumann war einer Notiz zufolge im [September] 1938 in Gießen in Haft, was jedoch aufgrund erheblicher kriegsbedingter Verluste von Dokumenten wie Prozessunterlagen nicht belegt werden kann.

Dokumente der Gedenkstätte Sachsenhausen weisen jedoch nach, dass Wilhelm Baumann am 18. Juni 1938 mit der Häftlingsnummer 2043 in der Häftlingskategorie "Arbeitsscheuer" in das Konzentrationslager Sachsenhausen eingeliefert wurde. Dort wurde er am 24. Mai 1941 mit der Häftlingsnummer 1388 (Lesart: 1888), nun auch als "Asozialer" registriert, entlassen. Am 19. September 1941 wurde er im Konzentrationslager Dachau eingeliefert, nachdem er bis zum 18. August 1941 bereits in sog. Vorbeugehaft war. In Dachau erhielt Wilhelm Baumann die Häftlingsnummer 27679 und wurde in der Kategorie Arbeitszwang, Reich (A.Z.R.) registriert. Am 11. Februar 1942 wurde Wilhelm Baumann wiederum überstellt, nun allerdings in das Konzentrationslager Mauthausen. Hier erhielt er die Häftlingsnummer 14889 und wurde nach Gusen, einem Außenlager von Mauthausen, gebracht, das extrem hohe Todesraten aufwies. Zwei Monate später kam Wilhelm Baumann dort am 14. März 1942 um. Als offizielle Todesursache wurde "Kranzadernverkalkung und Herzschlag" angegeben.

   

QUELLEN: StdA DT MK; Hauptamt Wabern; StdA Rietberg; StdA Wilhelmshaven; Gedenkstätte und Museum Sachsenhausen (Prov. Russisches Staatliches Militärarchiv Moskau 1367/20, Bl. 370; FSB-Archiv, Moskau N-19092/Tom 97, Bl. 142); Gedenkstätte Dachau; KZ-Gedenkstätte Mauthausen; Hessisches Landesarchiv Abt. Staatsarchiv Marburg; Institut für Stadtgeschichte Frankfurt; Hessisches Landesarchiv Abt. Hauptstaatsarchiv Wiesbaden, Hessisches Landesarchiv Abt. Staatsarchiv Darmstadt; Arolsen Archives

 

 

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DOKUMENTE

 

Dokument 1

Einwohnermeldekarte für Familie Baumann in Detmold (StdA DT MK)

 

Dokument 2

Einwohnermeldekarte für Wilhelm Baumann in Detmold (StdA DT MK)

 

Dokument 3

Einwohnermeldekarte für Wilhelm Baumann in Rietberg (StdA Rietberg)

 

Dokument 4

Auszug aus der Veränderungsmeldung Konzentrationslager Sachsenhausen, 24. Mai 1941 (1.1.38.1-4076355-ITS Digital Archive, Arolsen Archives)

 

Dokument 5

Zugangsbuch Konzentrationslager Dachau, o. D. (1.6.1-9894064-ITS Digital Archive, Arolsen Archives)

 

Dokument 6

Schreibstubenkarte für Wilhelm Baumann im Konzentrationslager Dachau, o. D. (1.1.6.7-10612861-ITS Digital Archive, Arolsen Archives)

 

Dokument 7

Sozialversicherungsunterlagen für Wilhelm Baumann, o. D. (Individuelle Unterlagen aus dem KZ Dachau, 1.1.6.2-9974077-ITS Digital Archive, Arolsen Archives)

 

Dokument 8

Geldverwendungskarte für Wilhelm Baumann im KZ Dachau, o. D. (Individuelle Unterlagen aus dem KZ Dachau, 1.1.6.2-9974078-ITS Digital Archive, Arolsen Archives)

 

Dokument 9

Nummernkarte für Wilhelm Baumann im KZ Mauthausen, o. D. (Individuelle Unterlagen aus dem KZ Mauthausen, 1.1.26.3-1533493-ITS Digital Archive, Arolsen Archives)

 

Dokument 10

Todesmeldung für Wilhelm Baumann am 14. März 1942. Auszug aus dem Totenbuch des KZ Gusen (Archiv des Mauthausen Memorial. KZ-Gedenkstätte AMM-1-1-6)

 

Dokument 11

Todesfälle im KZ Mauthausen, 1.-31. März 1942 (1.1.26.3-1322755-ITS Digital Archive, Arolsen Archives)

 

Dokument 12

Verzeichnis der im April 1942 verstorbenen Personen durch die Reichserkennungs-dienstzentrale Berlin, 11. Mai 1942 (Hessisches Hauptstaatsarchiv Wiesbaden Abt. 408 Nr. 208)

Rufname: Emil

26.03.1902 in Herford - 31.07.1943 in der Heil- und Pflegeanstalt Eglfing-Haar

Religionszu­gehörigkeit: evangelisch
Eltern: Emma Bojahr, geb. Thielker (geb. 01.01.1869 in Bochum) und Emil Bojahr (geb. 19.11.1859 in Gelsenkirchen-Schenfelsdorf - 24.10.1906, Prediger, Pastor einer Baptistengemeinde)
Geschwister: Hedwig Bojahr (geb. 12.03.1890 in Bochum-Eppendorf, Köchin),
Wilhelm Bojahr (geb. 22.12.1891, Ziegler),
Walter Bojahr (geb. 31.03.1892 in Bochum-Eppendorf, Ziegler, Verwalter),
Paul Bojahr (geb. 16.09.1893 in Bochum-Eppendorf),
Emma Bojahr (geb. 27.09.1896 in Bochum),
Martha Bojahr (geb. 23.05.1900 in Bochum),
Else Bojahr (geb. 30.04.1905 in Herford - 29.10.1947),
Elfriede Bojahr (geb. 10.11.1918)
Beruf: Elektromonteur

 

Wohnorte: Herford, Göbenstr. 248
[...] 04.1904 Herford, D[...] 19
04.04.1905 Herford, Am Hang 3
Heidenoldendorf Nr. 187
23.10.1925 Vlotho
10.02.1926 Heidenoldendorf Nr. 187
07.08.1933 nach Amerika abgemeldet [sic !]

 

Emil Bojahr war der Sohn eines Baptistenpredigers und wuchs in einer kinderreichen Familie mit acht Geschwistern auf. Seine ersten Lebensjahre verbrachte er in Herford, bevor die Familie nach Heidenoldendorf (heute Detmold) zog. Er absolvierte eine Ausbildung zum Elektromonteur und arbeitete auch einige Zeit in seinem Beruf. Emil Bojahr litt an einer psychischen Erkrankung. Die fraglichen Quellen geben keine Auskunft darüber, wann die Krankheit erstmals diagnostiziert wurde, und auch das Datum seiner Einweisung in die Heil- und Pflegeanstalt Lindenhaus ist nicht dokumentiert. Belegt ist hingegen seine Verlegung am 16. März 1933 aus dem Lindenhaus in die Provinzialheilanstalt Gütersloh. Bezeichnenderweise wurde in den Meldeunterlagen der Stadt Detmold noch mit Datum des 7. August 1933 seine Abmeldung nach Amerika eingetragen. Zu diesem Zeitpunkt war Emil Bojahr allerdings bereits seit einigen Monaten stationär in Gütersloh untergebracht.1

Neun Jahre später wurde er am 7. Februar 1942 von dort in die Provinzialheilanstalt Dortmund-Aplerbeck verlegt und am 24. Juni 1943 in die Heil- und Pflegeanstalt Eglfing-Haar des Bezirksverbandes Oberbayern gebracht. Laut des dortigen Jahresberichtes für das Jahr 1943 wurden "von den in besonders luftgefährdeten Gebieten liegenden Anstalten Dortmund-Aplerbeck und Hausen im Juni und Juli 220 bzw. 210 größtenteils sehr pflegebedürftige männliche Kranke übernommen", zu denen auch Emil Bojahr gehörte.

Für viele der Patienten endete in Eglfing-Haar ihr Leidensweg. Denn seit dem 30. November 1942 waren mit dem sog. Hungerkosterlass des Bayerischen Staatministerium des Innern in den Bayerischen Heil- und Pflegeanstalten für "nicht produktiv arbeitende" und pflegebedürftige Patienten eine sog. Sonderkost eingeführt worden. Durch den gezielten Nahrungsentzug sollte der Tod der Kranken bewusst herbeigeführt werden. In der Heil- und Pflegeanstalt in Eglfing-Haar wurden in Folge des "Hungerkosterlasses" zwei Krankenpavillons zu "Hungerhäusern" umfunktioniert, Haus 22 für Frauen und Haus 25 für Männer, in denen den Kranken eine fett- und proteinarme Kost verabreicht wurde. Die Mangelernährung führte zu einer körperlichen Schwächung, durch die die ohnehin desolaten und vernachlässigten Patienten schneller an einer Lungentuberkulose erkrankten und daran starben. Diese Diagnose ermöglichte den Ärzten, in den Leichenschauscheinen eine vorgeblich natürliche Todesursache einzutragen. In Eglfing-Haar wurde die Durchführung der "Sonderkost" durch den Direktor Hermann Pfannmüller persönlich überwacht und kontrolliert. Gelegentlich ordnete dieser auch an, den Tod durch die Verabreichung starker Schlafmittel zu beschleunigen.

Emil Bojahr starb am 31. Juli 1943 im Alter von 41 Jahren nach nur einer Woche im "Hungerhaus 25". Als offizielle Todesursache wurde Tuberkulose angegeben. Emil Bojahr gehört durch die willentliche, absichtsvolle Herbeiführung seines Todes durch Unterlassung, Vernachlässigung und gezielten Nahrungsentzug zu den Opfern der dezentralen "Euthanasie".

1 Laut www.ancestry.com finden sich auf einer Passagierlisten (1820-1957) nach New York mehrere Personen mit Namen Bojahr, so auch ein Emil Bojahr. Die Identität ist jedoch ungeklärt.

   

QUELLEN: StdA DT MK; LWL-Archivamt für Westfalen Best. 661 Nr. 180; KAH; Archiv des Bezirks Oberbayern, München

LITERATUR: Stockdreher (1999), Tiedemann, Hohendorf, von Cranach (2018), Walter (1996)

 

 

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DOKUMENTE

 

Dokument 1

Einwohnermeldekarte für Emil Bojahr (StdA DT MK)

 

Dokument 2

Einwohnermeldekarte für Emil Bojahr (StdA DT MK)

geb. 27.10.1879 in Detmold

Religionszu­gehörigkeit: jüdisch
Eltern: Sophie Schiff, geb. Goldstein und Bendix Schiff, Knopffabrikant
Ehemann: Fritz (Fischel) Besen (geb. 04.01.1877 in Podhajce, Galizien), Kaufmann
Kinder: Erich Bendix Besen (geb. 09.02.1910 in Düsseldorf)
Kurt Salomon (geb. 29.05.1911 in Düsseldorf)
Hildegard Lea Besen (geb. 10.06.1916 in Düsseldorf)
Irma Sofia Besen (geb. 18.04.1920 in Düsseldorf)

 

Wohnorte: Detmold, Lagesche Str. 147
12.07.1912 Düsseldorf, Gustav Poensgenstr. 41
09.11.1931 Düsseldorf, Sonnenstr. 56
07.03.1938 Langenberg 17
18.07.1939 Düsseldorf, Beuthstr. 4
01.08.1941 Düsseldorf, Teutonenstr. 9
08.11.1941 Abmeldung nach Minsk

 

Else Besen stammte aus Detmold und lebte mit ihrer Familie in Düsseldorf. Ihr Mann Fritz floh bereits am 7. März 1938 in die Niederlande. Dort wurde er 1942 verhaftet und nach Westerbork gebracht. Von dort wurde er nach Auschwitz deportiert.
Am 10. November 1941 wurde Else Besen zusammen mit ihrem Sohn Erich, der zuvor bereits Zwangsarbeit hatte leisten müssen, aus dem "Judenhaus" in der Teutonenstraße 9 im Düsseldorfer Stadtteil Oberkassel nach Minsk deportiert.

In diesem Deportationszug in das Ghetto von Minsk, der vom Derendorfer Güterbahnhof ab ging, befanden sich 992 Menschen, davon 627 aus Düsseldorf. Der Transport war vier Tage lang bei Außentemperaturen von etwa -12° unterwegs. Im Ghetto von Minsk starb in den ersten Monaten jeder Achte aufgrund des Nahrungsmangels bzw. an den daraus resultierenden Infektionskrankheiten. Den Transport vom November 1941 überlebten fünf Menschen. Es ist davon auszugehen, dass Else Besen nicht zu ihnen gehörte.

 

QUELLEN: LAV NRW OWL P 3|4 Nr. 891; StdA DT MK; Mahn- und Gedenkstätte Düsseldorf; StdA Düsseldorf; Arolsen Archives

LITERATUR: Schmidt, Herbert (2005), Fleermann, B. / Jakobs, H. (2015), Genger, Angela (2002).

 

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DOKUMENTE

Dokument 1

Einwohnermeldekarte für die Familie Besen in Düsselorf (StdA Düsseldorf)

 

Dokument 2

Transportliste aus dem Gestapobereich Düsseldorf nach Minsk, 10. November 1941 (1.2.1.1-11198886-ITS Digital Archive, Arolsen Archives)

 

Dokument 3

Inhaftierungsbescheinigung für Else Besen durch das Internationale Rote Kreuz, o. D. (Auszug aus der Korrespondenzakte , 6.3.3.2-105945313-ITS Digital Archives, Arolsen Archives)

Rufname: Rolf

08.01.1935 in Detmold - 29.08.1943 in der Anstalt Eben-Ezer

Religionszu­gehörigkeit: evangelisch
Eltern: Auguste Bracht, geb. Brinkmann (geb. 31.11.1900) und Willy Bracht (geb. 20.07.1906), Schlosser
ein Bruder  
Beruf: ohne

 

Wohnorte: Detmold, Ernststr. 10
03.10.1936 Detmold, Klusstr. 39

 

Rolf Bracht war infolge einer Erkrankung im Alter von einem Vierteljahr gehbehindert und ab seinem vierten Lebensjahr auf einen Rollstuhl angewiesen. Zudem war er in seinen sprachlichen Möglichkeiten offenbar eingeschränkt.

Durch die Gesetzgebung des NS-Staates, die Menschen mit Einschränkungen als "Ballastexistenzen" diffamierte, gerieten Familien mit behinderten Kindern zusehends in eine erhebliche Zwangslage: Ab März 1941 wurde an diese Familien kein Kindergeld mehr ausgegeben. Ab September desselben Jahres war es den Behörden sogar erlaubt, den Familien, die die Unterbringung in einer Anstalt nicht zuließen, ihre Kinder wegzunehmen. Als Rolf Bracht sieben Jahre alt war, entschieden sich seine Eltern, ihn der Anstalt Eben-Ezer anzuvertrauen. Am 9. Juli 1942 wurde er dort aufgenommen und wurde im Krankenbericht u. a. als "blasses, schwächliches", aber auch "fröhliches" Kind beschrieben. Im ärztlichen Fragebogen vom 22. Juni 1942 wurde jedoch "voraussichtlich unheilbar" vermerkt.

Rolf Bracht konnte in Eben-Ezer die Anstaltsschule zunächst besuchen, in der er laut Krankenakte "lebhaften Anteil am Unterricht" nahm. Getrennt von seiner Familie und seinem Zuhause erlebte ihn seine Mutter jedoch als verzweifelt und sehr traurig. Ihr Sohn bat sie bei ihren Besuche inständig, ihn doch wieder mit nach Hause zu nehmen. Laut Krankenakte wurden seitens der Anstaltsleitung offenbar in Absprache mit der Mutter weitere Besuch "von ihm weggehalten, wie wir es ja verabredet haben". Daraufhin habe das Kind "in letzter Zeit kaum noch einmal geweint".

Am 3. Dezember 1942 wandte sich Auguste Bracht mit einem Brief an den Direktor der Anstalt Herbert Müller. Nach einem ihrer Besuche zeigte sie sich erschüttert vom Zustand ihres Sohnes: Noch nie sei ihr Sohn so traurig gewesen, zudem sei er körperlich abgezehrt. "Er ist ja wohl auch einer der unglücklichsten dort, weil sein Empfinden so gesund und er so durch seine Hilflosigkeit der Pflegebedürftigste ist", heißt es in ihrem Schreiben. Ihre Überlegungen, Rolf "zur Erholung" mit nach Hause zu nehmen, vermochte sie, offenbar auch durch Intervention der Anstaltsleitung verunsichert, nicht in die Tat umzusetzen. In der Krankenakte wurde darauf verwiesen, dass Auguste Bracht sich durch die Versorgung ihrer anderen Kinder [!] überfordert und nicht in der Lage sah, Rolf angemessen zu pflegen. Zum Zeitpunkt ihres Schreibens war sie mit ihrem zweiten Sohn schwanger, der im April des folgenden Jahres geboren wurde.

Eine fieberhafte Infektion am Anfang des Jahres 1943 schwächte Rolf Bracht zusätzlich. Am 9. Mai 1943 kollabierte er mit starkem Bluterbrechen. Es wurden Medikamente, aber auch  Nahrungsmittel wie kalte Milch und etwas Traubenzucker, der teils von seiner Mutter mitgebracht worden war, sowie Mondaminbrei verabreicht. Eine Diagnose für seine Erkrankung wurde nicht dokumentiert.

Am 25. Mai 1943 musste sich Rolf Bracht einer Operation unterziehen. Nur kurzfristig vermochte er im Juni des Jahres die Schule zu besuchen, erkrankte allerdings wiederum im Juli 1943. Von einem Besuch seiner Mutter wurde mit dem Hinweis auf ein Masernausbruch seitens der Anstalt abgeraten. Auch ihrem Wunsch vom 21. Juli 1943, ihren Sohn wieder zurückzuholen, wurde mit Hinweis auf die Ansteckungsgefahr nicht entsprochen.

Nur wenige Tage später verschlechterte sich der Zustand des ohnehin geschwächten und unterversorgten Rolf Bracht dramatisch. In einem Schreiben vom 5. August 1943 wurde seine Mutter davon in Kenntnis gesetzt, dass ihr Sohn "wohl [!] eine Nierenentzündung" habe. Eine gesicherte Diagnose wurde offenbar nicht gestellt oder zumindest nicht notiert. Sein Zustand wurde in der Krankenakte am 25. August 1943 als "sehr schwach und elend" dokumentiert. Rolf Bracht läge "ganz bewusstlos" da und war nicht mehr ansprechbar. Seine Mutter wurde in einem nicht datierten Schreiben darüber informiert, dass mit dem "Ableben" ihres Sohnes " in den nächsten Stunden" zu rechnen sei.

Am 29. August 1943 starb Rolf Bracht etwa ein Jahr nach seiner Aufnahme in der Anstalt Eben-Ezer. Als offizielle Todesursache wurde akute Nierenentzündung angeben.

   

 

QUELLEN: StdA DT; Archiv der Stiftung Eben-Ezer Patientenakte Nr. 566

LITERATUR: Aly (2013), Evans (2008), Konersmann (2012)

 

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DOKUMENTE

 

Dokument 1

Meldekarte für Familie Bracht (StdA MK)

 

Dokument 2

Meldekarte für Rolf Bracht (StdA DT MK)

Rufname: Martha

geb. 25.09.1903 in Heiligenkirchen/Detmold - 04.04.1943 in der Landesheilanstalt Eichberg

Religionszu­gehörigkeit: evangelisch
Eltern: Elise Beune, geb. Schönrock und Friedrich Beune (Kolon und Maler)
Beruf: Hausangestellte

 

Wohnorte: Heiligenkirchen Nr. 92
Dortmund, Brückstr. 34

 

Martha Beune gehörte zu den psychisch Kranken, die der "Euthanasie"-Verbrechen zum Opfer fielen. Aufgrund der schwierigen Quellenlage lassen sich nur wenige Informationen zu den einzelnen Stationen ihres Lebensweges ermitteln und dokumentieren.
Martha Beune aus Heiligenkirchen war in der Landesheilanstalt Eichberg aufgrund einer medizinisch fraglichen Diagnose untergracht, die dort auffallend häufig gestellt wurde. In der Anstalt Eichberg wurden bereits seit 1849 geistig und psychisch Kranke behandelt, allerdings wurde diese Institution während der NS-Zeit zu einer der Zwischenanstalten, die sowohl eigene Patienten in die Tötungsanstalten wie Hadamar schickten, als auch Patienten anderer Anstalten vorübergehend aufnahmen, bevor sie ebenfalls dorthin verlegt und dort im Rahmen der sog. Euthanasie ermordet wurden. Die Belegungszahlen der Anstalt Eichberg stiegen im Laufe der Zeit derart, dass die Sterberate der Patienten infolge qualvoller Enge, durch Nahrungsmangel und medizinische Unterversorgung von 1939 auf 1940 deutlich höher lag als in den Jahren zuvor. Ab August 1941 fielen zahlreiche Patienten einer methodischen Unterernährung zum Opfer, und spätestens ab 1942 begannen Medikamentenmorde oder Tötung von Menschen durch eiskalte Bäder. Die Versorgung der noch Verbliebenen wurde sowohl in der Pflege als auch in ihrer Ernährung derart katastrophal, dass sich die Todesrate - wie intendiert - weiter dramatisch erhöhte. Ab 1943 wurden sogar die noch arbeitsfähigen Patienten auch in der Kriegsproduktion eingesetzt. Die höchsten Opferzahlen waren auf dem Eichberg von 1941 bis 1944 zu beklagen. In diesen Zeitraum fiel auch der Tod von Martha Beune. Insgesamt wurden 2.500 Menschen ermordet, davon 500 Kinder. Die Angaben zu den Todesursachen müssen zumeist als frei erfunden bezeichnet werden. 2.300 Patienten wurden nach Hadamar in den Tod geschickt.
Martha Beune starb am 4. April 1943 in der Anstalt Eichberg. Als Todesursache wurde "Siechtum" aufgrund ihrer Erkrankung angegeben. Sie wurde auf dem anstaltseigenen Friedhof am 9. April 1943 beigesetzt.

 

QUELLEN: LAV NRW OWL P 3|4 Nr. 2461; Landeswohlfahrtsverband Hessen (lwv-hessen.de) LWV-Archiv B 10 Nr. 110, 121; StdA Dortmund; Hess. Hauptstaatsarchiv Wiesbaden; www.ushmm.org; Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) Archivamt; StdA Eltville

WEITERE QUELLEN: https://www.gedenkort-t4.eu/de/historische-orte/2z5rq-landesheilanstalt-eichberg-vitos-rheingau-klinik-eichberg#karte

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DOKUMENTE

Dokument 1

Sterbeurkunde für Martha Beune, Erbach 5. 04.1943 (Hess. Staatsarchiv Marburg Best. 919 Nr. 1204)

   
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