06.04.1897 in Münster - 21.04.1944 Heil- und Pflegeanstalt Lindenhaus, Lemgo-Brake
Religionszugehörigeit: ev.
Eltern: Carl Stellbrink und Helene Stellbrink, geb. Kirchhoff
Geschwister: Helene Stellbrink (geb. 16.03.1892 in Münster), Karl Friedrich Stellbrink (geb. 28.10.1894 in Münster), Magdalene Stellbrink (geb. 24.09.1902 in Detmold)
Ehemann: Hugo Heiss, Bergmann
Kinder: Ewald Heiss (geb. 1920), Hugo Heiss (geb. 1923), Meta Heiss (26.02.1925 -25.10.1925)

WOHNORTE
15.08.1902 Hiddesen 5 bei den Eltern
02.03.1916 Halberstadt
01.09.1916 Detmold, Hubertusstr. 10 bei den Eltern
12.04.1917 Potsdam
20.11.1917 Detmold, Hubertusstr. 10
01.09.1919 Langendreer
05.10.1920 Detmold, Hubertusstr. 10 bei den Eltern
25.10.1920 Langendreer
Bielefeld, Spindelstr. 7
14.05.1926 Detmold, Hubertusstr. 10 bei den Eltern
10.06.1926 Anstalt Lindenhaus bei Lemgo
17.09.1927 Remmighausen Bahnhof
15.11.1927 "soll sich im Krankenhaus Bielefeld aufhalten"
05.01.1928 Detmold, Obere Str. 19 bei Addicke
04.01.1928 Detmold, Friedrichstr. 16 bei Gröne
09.07.1928 "soll sich in der Provinzial-Heilanstanstalt Münster befinden"
30.07.1928 "jetzt in der Heilanstalt Lengerich"

 

Durch eine schwere Erkrankung wurde Irmgard Stellbrink erst mit acht Jahren eingeschult. In Detmold besuchte sie das Lyzeum, das sie trotz guter Leistungen 1915 abbrach. Eine Verlobung löste sie bereits nach kurzer Zeit. 1916 begann sie auf Wunsch ihrer Mutter eine Ausbildung am Lehrerinnenseminar, doch auch dies brach sie vorzeitig ab. Es folgten verschiedene Versuche, ihr Leben selbstständig zu gestalten und das Elternhaus zu verlassen. In Halberstadt erlernte sie in einer Familie die Haushaltführung, und im April 1917 arbeitete Irmgard Stellbrink als Erzieherin in Potsdam wiederum in einer Familie. Für kurze Zeit arbeitete sie in Berlin in weiteren Privatstellen und auch im Postscheckamt. Im November 1917, nun wiederum in Detmold, besuchte sie abermals auf Wunsch ihrer Mutter die Handelsschule. Auch dies brach sie vorzeitig ab. 1919 heiratete sie den Bergarbeiter Hugo Heiss, was den sozialen Vorstellungen ihrer Eltern widersprach, und zog mit ihm nach Langendreer, wo auch ihre beiden Söhne geboren wurden. Da Hugo Heiss zu einer Gefängnisstrafe verurteilt wurde, zog sie 1925 zurück zu ihren Eltern und brachte in Detmold ihre Tochter Meta zur Welt. Irmgard Heiss erkrankte nach der Geburt psychisch und wurde auf behördliche Anordnung im Mai 1925 in die Lippische Heil- und Pflegeanstalt Lindenhaus in Brake eingewiesen. Ihre Tochter wurde in einer Pflegeeinrichtung in Bethel untergebracht. Hier starb sie im Alter von acht Monaten im Oktober 1925.
Irmgard Heiss bat vergeblich nach ihrer Entlassung aus dem Lindenhaus um Aufnahme bei ihren Eltern, was diese jedoch als unzumutbar ablehnten. Ihre Versuche, ihren Lebensunterhalt selbst zu verdienen, scheiterten. Ihre Kinder wurden in Bielefeld in Pflegefamilien untergebracht. Anfang 1926 wurde sie wiederum auf behördliche Anordnung erneut im Lindenhaus eingeliefert, und wiederholt insistierten ihre Eltern auf ihre dauerhafte Unterbringung in einer Anstalt. Zudem leitete sie für ihre Tochter ein Scheidungsverfahren ein, dem Irmgard Heiss nicht widersprach. Im selben Jahr wurde sie in eine Anstalt nach Gütersloh verlegt, aus der sie allerdings floh. Unter dem falschem Namen Anni Bentheim schlug sie sich mit Fabrikarbeiten an unterschiedlichen Orten durch. 1928 wurde sie in Münster wegen Verhaltensauffälligkeiten und einer schlechten gesundheitlichen Verfassung von der Polizei in Gewahrsam genommen und in ein Krankenhaus gebracht, wo sie einen Suizidversuch unternahm. Daraufhin wurde sie in die psychiatrische Einrichtung Marienthal eingewiesen, danach in eine psychiatrische Anstalt nach Warstein. 1929 leiteten ihre Eltern ein Entmündigungsverfahren ein. Ihre ältere Schwester Helene wurde als ihr Vormund bestellt. Die Ehe mit Hugo Heiss wurde 1930 geschieden. Dessen Bemühungen, das Sorgerecht für seine Kinder zu bekommen, wurden von Irmgards Eltern angefochten. Stattdessen nahm ihr Bruder Karl Friedrich mit seiner Frau die Kinder als Pflegeeltern in der eigenen Familie auf.
Irmgard Heiss blieb zehn weitere Jahre als Patientin in Lengerich. 1938 meldete die dortige Einrichtung sie auf Anfrage des Kreisarztes in Münster als "fortpflanzungsfähig" und "fortpflanzungsgefährlich". Zu einer Zwangssterilisierung kam es allerdings nicht mehr. 1941 wurde Irmgard Heiss mit einem Sonderzug gemeinsam mit witeren Langzeitpatienten in die Anstalt Weilmünster in Hessen verlegt. Drei Jahre später, 1944, verschlechterte sich ihr Gesundheitszustand dramatisch. Ihre Schwestern Hilda und Helene holten die dem Hungertod nahe Irmgard Heiss auf eigene Verantwortung nach Detmold. Die Pflege überforderte sie jedoch, und so brachte Helene ihre Schwester Irmgard am 21. April 1944 wiederum ins Lindenhaus, wo bald darauf eine Lungentuberkulose diagnostiziert wurde, die vermutich als Folge der Behandlung in der Anstalt Weilmünster zu bewerten ist. Irmgard Heiss starb im Lindenhaus an dieser Tuberkulose und an mangelnder bzw. unterlassener medizinischer Versorgung.
Ihr Sterben und auch ihr Tod wurden durch rasseideologisch motivierte medizinische Unterversorgung, sowie durch mangelnde Lebens- und Ernährungsbedingungen für psychisch Kranke und Behinderte billigend in Kauf genommen.

   

QUELLEN: StdA DT MK; LAV NRW OWL L 107 D Nr. 1893; Andreas Ruppert (Paderborn); Barbara Stellbrink-Kesy (Berlin)

 

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Portrait: HEISS, Irmgard, geb. Stellbrink

Irmgard Heiss, um 1920 (Sammlung Barbara Stellbrink-Kesy)

 

DOKUMENTE

 

Dokument 1

Einwohnermeldekarte von Irmgard, Ewald und Meta Heiss (StdA DT MK)

 

Dokument 2

Postkarten von Irmgard Heiss aus Weilmünster, 1.1.1942. (Sammlung Barbara Stellbrink-Kesy)

 

   
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