Rufname: Elisabeth

19.10.1890 in Detmold - 23.01.1972 in Detmold

Religionszu­gehörigkeit: evangelisch / Zeugin Jehovas
Eltern: Luise Ernsting, geb. Homeier (01.12.1853 - 05.11.1908 in Detmold) und Johann Ernsting, Bäckermeister (17.12.1857 - 05.01.1929)
Geschwister: Martha (auch: Magdalena) Ernsting (geb. 30.05.1886 in Detmold)
Adolf Ernsting (geb. 03.12.1887 in Detmold)
Friedrich Ernsting (geb. 12.02.1889 in Detmold)
Anna Götte, geb. Ernsting (geb. 06.06.1892 in Detmold)
Bertha Ernsting (geb. 24.04.1894 in Detmold)
Lucie Ernsting (geb. 26.04.1896 in Detmold)
Emmy (Emmi) Ernsting (01.11.1897 in Detmold)
Schwägerin: Paula Ernsting
Beruf: Schneiderin

 

Wohnorte: Detmold, Krumme Str. 53, 39
30.09.1910 abgemeldet nach Halle/S.
Hadingen
02.05.1919 Detmold, Krumme Str. 26
01.04.1921 abgemeldet nach Chemnitz, Rewitzerstr. 9
Januar 1929 Hannover, Spittastr. 2
1945-1953 Halle/Saale
1954 Berlin
Durchgangslager Hamburg-Wandsbek
Detmold, Hans-Hinrichs-Str. 15
Detmold, 55er-Straße 16

 

Elisabeth Ernsting wuchs in Detmold mit sieben Geschwistern auf und wurde nach eigenen Angaben im christlichen Sinne erzogen. Sie erlernte den Beruf der Schneiderin, war aber auch als Haushaltshilfe tätig. Nach dem Tod ihrer Mutter versorgte sie als Achtzehnjährige ihre Geschwister und auch den Haushalt. 1910 verließ Elisabeth Ernsting Detmold und zog nach Halle an der Saale. Während des Ersten Weltkrieges - so schilderte sie es in einem biografischen Bericht - arbeitete sie, mittlerweile in Berlin lebend, als Hausangestellte für den damaligen Staatsminister des Innern. Hier erfuhr sie ihrem Bericht zufolge manches zum Kriegsgeschehen, was sie nachhaltig beeinflusste und prägte. Nach Kriegsende lebte Elisabeth Ernsting zunächst in Chemnitz, um dann Hannover als ihren Lebensmittelpunkt zu wählen, wo sie als Schneiderin arbeitete.

Erste Berührungspunkte mit den Zeugen Jehovas ergaben sich 1925 während eines Besuches in Detmold durch persönliche Kontakte. Ein Diavortrag des "Schöpfungsdrama"1 wurde für sie zu einem lebensprägenden Ereignis. Wachturmstudien, angeregt durch ihre Schwägerin Paula Ernsting, sowie erste Kontakte zu Bibelforschern in Hannover folgten. Elisabeth Ernsting nahm 1929 eigene Missionstätigkeiten auf und ließ sich am 31. März 1930 taufen. Widerstände gegen die Zeugen Jehovas erlebte sie zunächst durch christliche Geistliche.

Am 7. Dezember 1936 wurde bei ihr eine Haudurchsuchung vorgenommen und Literatur beschlagnahmt. Etwa eine Woche später, am 15. Dezember 1936, wurde Elisabeth Ernsting im Rahmen der Verhaftungswelle dieses Jahres mit dreißig weiteren Zeugen Jehovas in Hannover festgenommen und war in Untersuchungshaft, bis sie am 26. Februar 1937 durch das Sondergericht Hannover wegen Betätigung für die internationale Bibelforschung zu sechs Monaten Haft verurteilt wurde. Nach Verbüßung ihrer Strafe am 14. Juni 1937 wurde sie jedoch nicht entlassen, sondern am 12. August 1937 in das Frauen-Konzentrationslager Moringen überstellt. Da dieses Lager im März 1938 aufgelöst wurde, wurde sie in das Konzentrationslager Lichtenburg bei Torgau verlegt. Diese Verlegungen fanden in drei größeren Transporten (15. Dezember 1937, 21. Februar 1938 und 21. März 1938) statt. Elisabeth Ernsting war im Lager Lichtenburg bis Mai 1939 in Haft und wurde in der Gärtnerei eingesetzt. Dort erlebte sie strengen Arrest, unter anderem weil sie sich mit weiteren inhaftierten Zeugen Jehovas weigerte, Reden Hitlers anzuhören. Als Lichtenburg 1939 aufgelöst wurde, wurden die sich noch dort befindenden Frauen in das Konzentrationslager Ravensbrück überstellt. Elisabeth Ernsting wurde dort am 1. Mai 1939 registriert und musste wiederum in der Gärtnerei arbeiten. "Mentale und geistige Stärkung" - so berichtete sie Jahrzehnte später - verliehen ihr Bibelstudium und der enge Kontakt zu dort inhaftierten Zeugen Jehovas. Die Erklärung, durch die sie den Zeugen Jehovas und deren Organisation abschwören sollte, lehnte sie wiederholt ab: "Ich bleibe ein Zeuge Jehovas".2

Im August 1942 wurde Elisabeth Ernsting mit 99 weiteren Zeugen Jehovas nach Auschwitz überstellt. Auch dort lehnte sie es ab, diese Erklärung zu unterzeichnen. Nach Birkenau verlegt, verlor Elisabeth Ernsting laut ihres Berichtes massiv und lebensbedrohlich an Kräften. Ihr Arbeitseinsatz im Haushalt des Leiters der Bauabteilung verschaffte ihr jedoch bessere Überlebensbedingungen. Für derlei Sonderaufgaben wurden inhaftierte Zeuginnen und Zeugen Jehovas ausgewählt, da sie als zuverlässig und fleißig galten und aus Glaubensgründen keine Fluchtversuche unternahmen, sondern ihre Haft als von Gott auferlegte Prüfung verstanden. Einer Vergasung entkam Elisabeth Ernsting - so berichtete sie später - nur durch einen technischen Defekt des Gas anliefernden Wagens. Im Februar 1944 wurde sie wiederum in Ravensbrück eingeliefert. Dort arbeitete sie nun für die Familie des Lagerarztes und erhielt einen Sonderausweis, der es ihr ermöglichte, das Lager für Einkäufe zu verlassen. Auch solch ein Privileg wurde aus den genannten Gründen insbesondere den Zeugen Jehovas zugebilligt. Nach der Befreiung von Ravensbrück am 30. April 1945 durch die Rote Armee verließ Elisabeth Ernsting das Lager nicht umgehend, da sie - wie sie später schrieb - die Kranken nicht im Stich lassen und sie versorgen wollte. Erst im Juni 1945 und damit nach fast neun Jahren Gefängnis- und Lagerhaft verließ sie Ravensbrück und zog zunächst nach Berlin und später nach Halle an der Saale, wo sie bereits 1910 lebte. Hier erlebte sie erneut Verfolgung und Unterdrückung der in der DDR als "Staatsfeinde" bezeichneten Zeugen Jehovas. Sie arbeitete in Halle wiederum im Untergrund für die offiziell ab 31. August 1950 verbotenen Zeugen Jehovas. 1954 konnte Elisabeth Ernsting die DDR verlassen und kehrte über Berlin und nach einer Unterbringung in einem Auffanglager in Hamburg nach Detmold zurück. Zunächst lebte sie bei ihrer Schwägerin Paula Ernsting, bis sie in eine eigene Wohnung in die 55er-Straße zog.

Elisabeth Ernsting starb 1972 im Alter von 82 Jahren.

 

1 Bei dem Photo-Drama der Schöpfung handelt es sich um einen insgesamt achtstündigen, vierteiligen religiösen Film der Wachturm-Gesellschaft aus dem Jahr 1914, initiiert von Charles Taze Russell. Thematisiert wird in dem Filmprojekt mittels bewegten Bildern, Dias und synchronisiertem Ton die Schöpfungswoche, von der Geschichte Israels zu Jesus Christus bis hin zur Verheißung seiner tausendjährigen Friedensherrschaft. Das Werk wurde Ende 1914 in Nordamerika, Europa und weiteren Teilen der Welt von neun Millionen Menschen gesehen. 1918, 1922 und 1927 erfolgten Überarbeitungen des Films, der letztlich unter dem Titel "Schöpfungsdrama" gezeigt wurde. 1933 wurde er verboten und die Aufführungen in Deutschland eingestellt.

2 Lebensbericht von Elisabeth Ernsting: "Mein Leben im Dienste Jehovas", [o. D.] In Gedichtform schilderte Elisabeth Ernsting zudem die Torturen ihrer Lagerhaft, [o. D.], Archiv der Jehovas Zeugen in Deutschland

   

QUELLEN : StdA DT MK, D 106 Detmold A Nr. 679, 16204; LAV NRW OWL D1 BEG Nr. 6923, D 103 Lippe Nr. 347; Niedersächsisches Landesarchiv Abt. Hannover 171a Hannover Acc. 107/83 Nr. 201; Niedersächsisches Landesarchiv Abt. Wolfenbüttel; Gedenkstätte KZ Lichtenburg Prettin; KZ Gedenkstätte Moringen; Gedenkstätte Ravensbrück; Gedenkstätte Auschwitz; Jehovas Zeugen, Archiv Zentraleuropa; Arolsen Archives

 

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DOKUMENTE

 

Dokument 1

Meldekarten für Familie Ernsting und Elisabeth Ernsting (StdA DT MK)_S.1 u 2